Alltagsgrenzen und soziale Innovationen in Brandenburg während der Pandemie

Ariane Sept & Peter Ulrich

Stand: 24.09.2020

Regionen und Gesellschaften befinden sich im stetigen Wandel – das war vor der Corona-Pandemie schon so und wird durch die gegenwärtige Corona-Krise umso deutlicher und gar noch beschleunigt. Gesellschaftliche Wandlungsprozesse werden häufig auch im Kontext gesellschaftlicher oder regionaler Herausforderungen diskutiert [1], die über neue Lösungen, Praktiken, Organisationsformen und Kooperationen von Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft angegangen und bewältigt werden können. In diesem Kontext ist der Begriff der sozialen Innovation in den letzten Jahren auf der Agenda erschienen, um Beiträge zur Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen zu diskutieren. Anders als technische und wirtschaftliche Innovationen, die sich stark auf die Entwicklung neuer Technologien und entsprechender Patente sowie wirtschaftlichen Erfolg fokussieren, dienen soziale Innovationen eher gesellschaftlicher Problemlösung. Im letzten Jahrzehnt sind soziale Innovationen nicht nur in der Wissenschaft angekommen, sondern wurden auch in der Politik und Praxis aufgegriffen. Auf EU-Ebene wurde schon frühzeitig folgende Definition verwendet: „Soziale Innovation bezeichnet die Entwicklung neuer Ideen, Dienste und Modelle zur besseren Bewältigung gesellschaftlicher Probleme. Sowohl öffentliche als auch private Akteure und die Zivilgesellschaft sollen dazu beitragen“ [2].

In der Forschung zu sozialen Innovationen wird nach wie vor häufig auf die Definition von Wolfgang Zapf zurückgegriffen, wonach soziale Innovationen neue Wege sind, um Ziele zu erreichen oder Probleme besser zu lösen als frühere Praktiken und die nachgeahmt und institutionalisiert werden [3]. Auch wenn spätere Definitionen einen stärkeren Fokus darauf legen, dass es sich um gemeinschaftliche [4] oder gesellschaftlich hoch bewertete Ziele [5] handelt, gelten soziale Innovationen demnach nicht per se und für alle als „gut“. Oder wie Lindhult formulierte: „There is no inherent goodness in social innovation“ [6].

Alltagsgrenzen als soziale Neuerungen zur Eindämmung des Virus

Fragen wir nun mit einer solchen Sichtweise nach räumlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie und ihren Folgen, müssen wir also zunächst nach den Zielen von Neuerungen fragen. Oberstes Ziel war in erster Linie die Eindämmung einer übertragbaren Krankheit oder, vor allem am Anfang, „die Kurve flach zu halten“. Dahinter stecken zum einen gesellschaftliche Ziele wie die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems oder der Seuchenschutz der Bevölkerung und zum anderen persönliche Ziele, zunächst vor allem die Vermeidung einer Ansteckung. Zur Erreichung dieser Ziele wurden, neben anderen Maßnahmen, alte, weiche oder ursprünglich permeable Grenzen zwischen Nationalstaaten aber auch Landkreisen und teilweise Gemeinden als harte Grenzen reaktiviert und wieder durabel gemacht. Gleichzeitig entstanden in kürzester Zeit Absperrungen, Markierungen und Barrieren, die wir als neue Grenzen im Alltag betrachten können: das Flatterband am Spielplatz markierte das Zutrittsverbot, die eigene Grundstücksgrenze oder Wohnungstür den individuellen Aufenthaltsbereich, Linien vor der Supermarktkasse oder dem Fensterausschank begrenzen den persönlichen Wartebereich, Plexiglasscheiben grenzen den Bereich der Verkäufer*innen von dem der Kund*innen ab, Türschwellen werden zur Grenze zwischen „mit Mundschutz“ und „ohne Mundschutz“.

Bild 1: Hinweistafel in Biesenthal; Aufnahme: Peter Ulrich, Juli 2020

Die Ziele dieser Maßnahmen wurden jedoch mit der Zeit immer komplexer: Neben dem Schutz vor Ansteckung und die Eindämmung der Pandemie traten bald schon die Ermöglichung gesellschaftlichen Lebens und Mobilität, die Aufrechterhaltung der Wirtschaft oder die Garantie von Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten. Einige dieser neuen Grenzen wurden also gezogen, um das Alltagsleben weniger zu begrenzen als noch einige Wochen zuvor. In diesem Sinne könnten wir diese neuen Grenzen, die unseren Alltag bestimmen, durchaus als soziale Innovationen deuten, handelt es sich doch um neue Wege immer neue Ziele zu erreichen, die man durchaus als gesellschaftlich hoch bewertet ansehen kann und die in Form von Verordnungen unmittelbar institutionalisiert werden.

Für viele mag daher, nicht zuletzt mit Blick auf den persönlichen Infektionsschutz, der Satz des Ostberliner Dichters Stefan Döring von 1986 durchaus zutreffend erscheinen: „ich fühle mich in Grenzen wohl“ [7]. Dabei zeigen sich oftmals jedoch sozial-räumliche Unterschiede in deutlicher Klarheit: wer sich in den Grenzen eines großen Grundstücks im suburbanen oder ländlichen Raum bewegte, fühlte sich zunächst wohler als jemand, die mit Partner*in und zwei Kindern in den Grenzen der zu kleinen Stadtwohnung ausharrte.

Soziale Innovationen als kreative Umgehungsstrategien?

Gleichzeitig lässt sich mit der Ziehung alltäglicher Grenzen auch eine andere Form von sozialer Innovation beobachten, die wir in Anlehnung an Georg Fischer (2020) als „kreative Umgehungsstrategien“ beschreiben können. Damit sind „passende situative Strategien zur Überwindung von Barrieren“ [8] gemeint, die „für den symbolischen oder praktischen Rückgewinn von Kontrolle in einem stark verregelten Bereich [stehen], dessen Regeln die Akteure nicht kontrollieren oder zu ihren Gunsten ändern können“ [9]. Während die neuen Grenzen einerseits als Schutzmaßnahme auf (mal mehr, mal weniger) Akzeptanz stoßen, setzen sie andererseits kreative Prozesse in Gang sie zu umgehen, möglichst ohne dabei die Regeln zu brechen. Beispielsweise erfuhr auch in Brandenburg die digitale Kommunikation über Videotelefonate, Dorfapps (z.B. Bad Belzig App [10]) oder Gruppenchats einen Aufschwung (z.B. Gerswalde [11]), nicht zuletzt auch um Hilfsangebote für alltägliche Besorgungen zwischen zuvor einander Unbekannten zu organisieren oder neue Formen des gemeinschaftlichen oder symbolischen Miteinanders zu koordinieren, wie etwa auch durch die Alltagsbesorgungen für Bedürftige durch den Verein Slubfurt [12] oder die Kultur-Hilfsaktion durch das (Nicht-)Festival „Keena Da 2020“ [13] in Frankfurt (Oder).

Bild 2: Aushang mit Hilfsangeboten in Gerswalde, Uckermark; Aufnahme: Ariane Sept, August 2020

In vielen Dörfern finden sich Aufrufe aufeinander zu achten und insbesondere alleinlebenden Nachbarn Hilfe anzubieten. Daneben scheint Musik eine besondere Rolle zu spielen, überwinden doch Töne auch physische Grenzen. So gab zum Beispiel der Organist Cameron Carpenter ein Fensterkonzert in Eberswalde [14] und in Barsikow in Ostprignitz-Ruppin kam das Dorforchester zu Ostern mit großem Abstand zwischen den Musikant*innen auf dem Dorfanger zusammen, um die Dorfbewohner*innen mit Musik zu erfreuen [15]. Weitere Beispiele sind Take-Away-Services und digitale Koordination von Gutschein-/Spendenaktionen oder ein Kinder-, Jugend- und Elterntelefon [16], um fehlendem Austausch entgegen zu wirken. Darüber hinaus erfuhren lokale Angebote ebenso wie naturnahe Aktivitäten gerade im Land Brandenburg einen Aufschwung und neue Wertschätzung.

Bild 3: Infoveranstaltung und Konzert mit Abstand in Barsikow; Aufnahme: Ariane Sept, August 2020

Immer wieder kam daher in den letzten Monaten auch die Hoffnung auf ein neues gesellschaftliches Miteinander auf. Erste Untersuchungen zeigen zum Beispiel: „Das Engagement vor Ort fand für viele Herausforderungen und Probleme schneller und auf lokale Rahmenbedingungen passendere Lösungen und Konzepte, als Bund, Land und Kommunen, Behörden und Ämter dazu in der Lage wären“ [17]. Mittelfristig stellt sich die Frage nach der Verstetigung und Nachhaltigkeit dieser neuen Praktiken, Organisationsformen und Dienstleistungen. Sind das nur temporäre Phänomene, um auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren und kreativ Umgehungsstrategien anzuwenden oder haben einzelne Aspekte davon das Potential sich zu verstetigen, zur Routine zu werden und unverzichtbar zu sein? Erst wenn sich die in den letzten Monaten beobachteten neuen Praktiken auch längerfristig etablieren, hätten wir es mit echten sozialen Innovationen zu tun.

Dr. Ariane Sept ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und stellvertretende Abteilungsleiterin der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner.

Dr. des. Peter Ulrich ist kommissarischer wissenschaftlicher Koordinator „Grenzforschung“ am Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION und PostDoc in der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner.

Referenzen

[1] Siehe dazu in der Wissenschaft Howaldt, Jürgen/Schwarz, Michael (2011): Soziale Innovation – Gesellschaftliche Herausforderungen und zukünftige Forschungsfelder. In: Sabina Jeschke, Ingrid Isenhardt, Frank Hees und Sven Trantow (Hrsg.): Enabling Innovation, Wiesbaden: Springer VS, S. 217-238 oder in der Wissenschaft das 8. EU-Forschungsrahmenprogramm Horizont2020, das sieben gesellschaftliche Herausforderungen definiert, die durch kollaborative Forschung und (soziale) Innovationen angegangen werden können.

[2] https://ec.europa.eu/social/main.jsp?langId=de&catId=1022#:~:text=Soziale%20Innovation%20bezeichnet%20die%20Entwicklung,die%20Zivilgesellschaft%20sollen%20dazu%20beitragen, 24.9.2020.

[3] Zapf, Wolfgang (1989): Über soziale Innovationen. In: Soziale Welt 40 (1-2), S. 170–183.

[4] Mumford, Michael D. (2002): Social Innovation. Ten Cases From Benjamin Franklin. In: Creativity Research Journal 14 (2), S. 253–266.

[5] Gillwald, Katrin (2000): Konzepte sozialer Innovation. WZB. Berlin. Online unter https://www.econstor.eu/bitstream/10419/50299/1/319103064.pdf, 24.9.2020.

[6] Lindhult, Erik (2008): Are Partnerships Innovative? In: Lennart Svensson und Barbro Nilsson (Hrsg.): Partnership. As a strategy for social innovation and sustainable change. Stockholm, Sweden: Santérus Academic Press, S. 37–54., S. 44

[7] http://www.planetlyrik.de/sascha-anderson-stefan-doring-bert-papenfus-ich-fuhle-mich-in-grenzen-wohl/2010/05/, 24.9.2020.

[8] Fischer, Georg (2020): Sampling in der Musikproduktion. Das Spannungsfeld zwischen Urheberrecht und Kreativität. Marburg: Büchner, S. 309

[9] ebenda, S. 320

[10] https://www.bad-belzig.de/app, 24.9.2020.

[11] http://gerswalde.info/, 24.9.2020.

[12] http://www.slubfurt.net/slubfurter-nachbarschaftshilfe-in-der-corona-krise/, 24.9.2020.

[13] https://www.moz.de/lokales/frankfurt-oder/kultur-hilfsaktion-ein-festival-fuer-frankfurt-_oder_-und-slubice_-das-nicht-stattfindet-49153028.html, 24.9.2020.

[14] https://www.moz.de/lokales/eberswalde/fenster-konzerte-star-organist-cameron-carpenter-gastiert-in-eberswalde-50385989.html, 24.9.2020.

[15] https://www.barsikow.de/nachrichten/#Osterkonzert, 24.9.2020.

[16] https://www.amt-odervorland.de/fileadmin/Red_Ordner/trailer/Corona/01.04.2020_Flyer_Corona_Telefon_Steinhoefel.pdf, 24.9.2020.

[17] Tahmaz, Birthe; Krimmer, Holger (2020): Wie Engagement die Corona-Krise bewältigt und die DSEE ihre Rolle finden kann. In: Newsletter für Engagement und Partizipation in Deutschland, 14/2020. Online unter https://www.b-b-e.de/fileadmin/Redaktion/05_Newsletter/01_BBE_Newsletter/2020/7/newsletter-14-tahmaz-krimmer.pdf, 24.9.2020, S. 1.

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