Welche Effekte hat die Covid-19-Pandemie auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bereich Bildung und Soziales der deutsch-polnischen Doppelstadt Frankfurt (Oder) – Słubice? – Einblicke in eine entstehende Masterarbeit

Bild 1: oben: Blick von Słubice auf Frankfurt (Oder), 18.02.2020; unten: Blick von Frankfurt (Oder) auf Słubice, 21.09.2019; Aufnahmen jeweils Alexander Werner

Alexander Werner

Stand: 21.01.2021

„Wir verstehen uns mit Słubice als Doppelstadt, als gemeinsamer Lebensraum, in dem wir viele Dinge grenzüberschreitend machen. Das war von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich“ (Deutschland.de), so René Wilke, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder) in einem Interview mit Deutschland.de im November 2020 rückblickend auf die Schließung der Grenze zwischen Deutschland und Polen und dementsprechend auch zwischen der sogenannten Doppelstadt Frankfurt (Oder) – Słubice vom 15.03.2020 bis zum 13.06.2020. Die Grenzschließung wurde im März 2020 durch die polnische Regierung beschlossen, um die Ausbreitung des globalen Virus COVID-19 einzudämmen. Damit verbunden war jedoch auch, dass die grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Oderstädten nicht oder nur erschwert stattfinden konnte und dass Schüler*innen, Student*innen, Berufspendler*innen etc., welche in Frankfurt (Oder) bzw. Słubice wohnen und auf der gegenüberliegenden Seite der Oder zur Schule gehen, studieren oder arbeiten, nicht mehr die Grenze überqueren durften, um den alltäglichen Verpflichtungen nachzukommen. Zudem blieben während und nach der Wiederöffnung der Grenze Institutionen der Wirtschaft und Bildung geschlossen, wodurch Menschen gezwungenermaßen entweder gar nicht oder nur von zu Hause aus arbeiten oder lernen konnten. Diese durch die globale Pandemie hervorgerufenen Effekte auf die grenzübergreifende Zusammenarbeit zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice – mit Schwerpunkt auf den Bereichen Bildung und Soziales – und auf die Bewohner*innen dieser Doppelstadt möchte ich in meiner Masterarbeit, einer lokalen Studie mit empirischem Bezug, vertiefend darlegen. In dem vorliegenden Blog-Eintrag präsentiere ich einige vorläufige Erkenntnisse meiner bisherigen Feldforschung.

Bild 2: Geschlossene Grenze an der Stadtbrücke zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice.
© Peter Ulrich, 23.03.2020

Eine Doppelstadt wie Frankfurt (Oder) – Słubice zeichnet sich dadurch aus, dass die jeweiligen einzelnen Städte zwar in verschiedenen Staaten lokalisiert sind, jedoch an einer Landesgrenze liegen und dadurch eine direkte Nachbarschaft zueinander haben (vgl. Jańczak 2017: 479). Auch wenn die diversen Doppelstädte in und außerhalb von Europa möglicherweise nicht zur gleichen Zeit oder auf die gleiche Weise entstanden sind, können gemeinsame Elemente wie die Herkunft oder das Wachstum in einem bestimmten Raum zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit führen. Dieses Gefühl der Verbundenheit mag eine grenzübergreifende Zusammenarbeit und Entwicklung in diversen Bereichen wie beispielsweise Wirtschaft, Soziales, Bildung oder Kultur anregen und andersrum kann durch die Kooperation auch das Gefühl der Verbundenheit gestärkt und so jeweils der trennende Charakter von Staatsgrenzen überwunden werden. 

Die lokalen Autoritäten entwickeln und setzen bestimmte Maßnahmen zur Zusammenarbeit diese Doppelstädte in der Regel zwar um, doch es sind letztendlich die Einwohner*innen vor Ort, welche die Doppelstädte aufgrund ihrer kollektiven Erfahrungen nicht nur mit Leben füllen, sondern auch deren Charakter prägen (vgl. 2017: a. a. O., 488). Für viele Menschen – Berufspendler*innen, Schüler*innen, Student*innen etc. – spielt sich ihr Leben auf der anderen Seite der Grenze ab, wodurch sie sich einen gemeinsamen lokalen und sozialen Raum teilen. Aufgrund der andauernden COVID-19-Pandemie und der damit einhergehenden und exkludierenden Kontrollmaßnahmen durch „nationalstaatliche Grenzziehungsprozesse, die dem Ziel dienen sollen, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen“ (Ulrich, Cyrus 2020: 1), wird jedoch die grenzübergreifende Zusammenarbeit erschwert. Zudem stellen diese Grenzziehungsprozesse vor allem diejenigen Menschen der Doppelstadt Frankfurt (Oder) – Słubice, welche täglich die Grenze überqueren, vor diffizile Probleme.

Erste Ergebnisse meiner bisherigen Forschungen lassen sich bereits festhalten: So war bzw. ist die Schließung der Grenze zwischen Polen und Deutschland für die Städte Słubice und Frankfurt (Oder) aus sozialer und bildungspolitischer Perspektive von Nachteilen geprägt. „Eine Strategie der Begrenzung kann wahrscheinlich durchaus Schutz bieten – aber auch erhebliche nicht beabsichtigte Schäden verursachen. Die nationalstaatliche Grenze ist keinesfalls der einzige und nicht immer überzeugendste Ansatzpunkt für Schutzmaßnahmen“ (Ulrich, Cyrus 2020: a. a. O., 6).

Dieser Auffassung ist auch ein Vertreter der Doppelstadtpolitik des Frankfurt-Słubicer Kooperationszentrums in einem Interview, welches ich mit ihm am 02.12.2020 durchführen durfte:

„Man muss sich vorstellen man würde in Berlin an der Spree entlang plötzlich eine Mauer bauen. Man könnte nicht mehr vom linken aufs rechte Spreeufer, nicht mehr vom Alex zum Zoo. […] Letztlich sind Frankfurt Oder und Słubice trotz der Staatsgrenze und Währungsgrenze und Sprachgrenze so eng miteinander verbunden. Tausende von Menschen überqueren jeden Tag die Grenze […]. Die gehen arbeiten, die gehen zur Schule, gehen in den Kindergarten, besuchen Freunde, machen Einkäufe und wenn man das vom einen auf den anderen Tag nicht mehr machen kann, weil diese Grenze zu ist, ist das einfach schwerwiegend“ (Interview Vertreter Doppelstadtpolitik, 02.12.2020).

René Wilke, Oberbürgermeister von Frankfurt, äußerte in einem Interview mit dem RBB im Juni 2020 nach der Wiederöffnung der ersten Grenzschließung eine ähnliche Meinung: „Man darf Frankfurt (Oder) und Słubice genauso wenig an der Oder trennen, wie man die Weichsel oder die Spree an den Ufern trennen darf“ (RBB 2020).

Besonders prekär war die Situation der geschlossenen Grenzen bzw. Bildungsstätten – wie bereits angedeutet – für Schüler*innen der Doppelstadt. Als die Grenze zwischen Deutschland und Polen am 15.03.2020 geschlossen wurde, blieben die Schulen in Frankfurt (Oder) – im Gegensatz zu den Schulen in Słubice – zunächst geöffnet, während gleichzeitig die Option des Homeschoolings nicht offeriert wurde, was für die Schüler*innen aus Słubice, welche in Frankfurt (Oder) zur Schule gingen, bedeutete, dass diese vorläufig vom Unterricht isoliert waren. Dies konnten die Vertreter*innen der Doppelstadt in gemeinsamer grenzübergreifender Zusammenarbeit insofern lösen, als „dass man die [Schüler*innen; A. W.] in Frankfurt im Internat aufgenommen hat. Insgesamt waren das fast 100 Schüler.“ Gleichzeitig entstanden aber andere Problembereiche in der Finanzierung und im Sozialen:

„Das waren gewaltige Kosten. Die mussten auch ihre Familien verlassen, die haben dann in Frankfurt im Internat gewohnt und letztlich hat das Land Brandenburg diese Kosten getragen. Das ist ein Betrag von ungefähr 100.000 € gewesen, für diese vielen Wochen, die Schüler unterkommen zu lassen und zu verköstigen“ (Interview Vertreter Doppelstadtpolitik, 02.12.2020).

Auch grenzüberschreitende Projekte wie z. B. zweisprachige Bildungsangebote, bei welchen polnische Schüler*innen aus Słubice und deutsche Schüler*innen aus Frankfurt (Oder) zusammen Deutsch bzw. Polnisch lernen und sich dabei gegenseitig unterstützen, wurden durch die Schließungen der Grenze oder der Bildungsinstitutionen negativ beeinflusst. Denn diese Angebote konnten in Folge dessen, wie auch das Homeschooling, nur noch online stattfinden. „Aber weil die Frankfurter Seite darauf technisch und mental erheblich weniger eingestellt war und auch mehr Zeit brauchte, um sich darauf einzustellen, sind auch diese ganzen Projekte einfach verspätet gewesen“ (Interview Vertreter Doppelstadtpolitik, 02.12.2020). Der Vertreter der Doppelstadtpolitik des Frankfurt-Słubicer Kooperationszentrums ist zudem überzeugt, dass die online stattfindenden Treffen zwischen den Schüler*innen der Doppelstadt „natürlich nicht reale Treffen ersetzen“ könnten und auch „die Motivation, eine fremde Sprache zu erlernen, ist online weniger stark ausgeprägt“ (Interview Vertreter Doppelstadtpolitik, 02.12.2020). Das Interesse am Erwerb der benachbarten Sprache und die entsprechenden Möglichkeiten hierzu, sind für eine gelungene grenzübergreifende Kooperation aber nicht zu unterschätzen.

Aufbauend auf den Einblicken und Eindrücken der Vertreter*innen der Doppelstadt lässt sich vorläufig zusammenfassen, dass offene Grenzen für Frankfurt (Oder) und Słubice und deren Einwohner*innen essentiell sind. Denn offene Grenzen bedeuten vor allem ein soziales Miteinander der Menschen in der Doppelstadt – im Rahmen von Familie, Kollegialität, Freundschaften etc. – und sie sind mit der „Hoffnung […] nach einer vertieften grenzübergreifenden Zusammenarbeit [verbunden]“ (MOZ 2020). Auch wäre „ohne offene Grenzen […] Frankfurt das Ende der Welt vom Westen aus gesehen und Słubice das Ende der Welt von Warschau aus gesehen“ (Interview Vertreter Doppelstadtpolitik, 02.12.2020), denn die Doppelstadt hat für die Europäischen Union und den hier lebenden Menschen aufgrund der gemeinsamen Außengrenze eine große Bedeutung: die Freiheit der Mobilität durch die ganze Union. Eines der Tore zum freien Personenverkehr in der EU, welches Frankfurt (Oder) und Słubice zusammen bilden und die damit verbundene Bedeutung der Oderstädte für viele Menschen Europas würden mit geschlossenen Grenzen nicht mehr existieren.

Bild 3: Frankfurt (Oder) und Słubice: Ohne Grenzen. Bez granic. 20.01.2021; Aufnahme Alexander Werner

Alexander Werner Student im Master Soziokulturelle Studien (MASS), Kulturwissenschaftliche Fakultät, Europa Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)              

                     


Verwendete Sekundärliteratur

– Jańczak, Jarosław (2017): Town Twinning in Europe. Understanding Manifestations and Strategies, Journal of Borderlands Studies, 32:4, 477-495

– Ulrich, Peter; Cyrus, Norbert (2020): „Vorwort“ / „Einleitung“ in: Ulrich, Peter; Cyrus, Norbert; Pilhofer, Anne (Hg.): Grenzen und Ordnungen in Bewegung in Zeiten der Corona-Krise. Analysen zu Region und Gesellschaft. Working Paper Series B/ORDERS IN MOTION Nr. 8, Frankfurt (Oder): Viadrina, doi:10.11584/B-ORDERS.8.

Weiterführende Sekundärliteratur

– Anger, Christina; Plünnecke, Axel (2020): Schulische Bildung zu Zeiten der Corona-Krise. Perspektiven der Wirtschaftspolitik 2020; 353–360, https://doi.org/10.1515/pwp-2020-0055

– Huebener, Mathias; Schmitz, Laura (2020): Corona-Schulschließungen: Verlieren leistungsschwächere SchülerInnen den Anschluss?, DIW aktuell, No. 30, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin

– Ibragimow, A.; Albrecht, M. (2015). Neue/alte Herausforderungen für die grenzübergreifende deutsch-polnische Zusammenarbeit seit Polens Schengen-Beitritt: Słubice und Frankfurt (Oder). Europa Regional, 23(1), 33-45. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-460951

– Jańczak, Jarosław (2020): Re-bordering in the EU under Covid-19 in the First Half of 2020: a Lesson for Northeast Asia?, „Eurasia Border Review“ Vol. 11.

– Jurczek, P. (2009). Grenzräume in Deutschland: grenzüberschreitende Entwicklung und grenzübergreifende Kooperation. Europa Regional, 14.2006(2), 50–0. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-48074-8

– Kaczmarek, T.; Stryjakiewicz, T. (2006). Grenzüberschreitende Entwicklung und Kooperation im deutsch-polnischen Grenzraum aus polnischer Sicht. Europa Regional, 14.2006(2), 61-70. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168ssoar-48076-8

– Kolleck, N. (2020): Bildung für die Zukunft in Zeiten globaler Krisen? Chancen und Dilemmata in der demokratischen und (trans)kulturellen Bildung sowie der Bildung für nachhaltige Entwicklung. PraxisForschungLehrer*innenBildung, 2 (6), 14–26. https://doi.org/10.4119/pflb-3914 

– Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (2020): Bildung in Deutschland kompakt 2020. Bielefeld: wbv Publikation

– Wößmann, Ludger et. al. (2020): Bildung in der Coronakrise: Wie haben Schulkinder die Zeit der Schulschließungen verbracht, und welche Bildungsmaßnahmen befürworten die Deutschen? Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, München, Vol. 73, Iss. 09, pp. 25-39

– Wrase, Michael (2020): „Schulrechtliche Herausforderungen in Zeiten der Corona-Pandemie“ – In: Fickermann, Detlef [Hrsg.]; Edelstein, Benjamin [Hrsg.]: „Langsam vermisse ich die Schule …“. Schule während und nach der Corona-Pandemie. Münster; New York: Waxmann, S. 105-116

Verwendete Internetquellen

– Deutschland.de (13.11.2020): „Großartige Versöhnungsleistung“. URL: https://www.deutschland.de/de/topic/politik/deutsch-polnische-freundschaft-frankfurt-oder-und-slubice

– RBB (13.06.2020): Polen öffnet Grenze zu Deutschland wieder. URL: https://www.rbb24.de/studiofrankfurt/panorama/2020/06/corona-polen-grenze-lockerung-frankfurt.html

– MOZ (01.07.2020): Die deutsch-polnische Grenze zwischen Frankfurt und Słubice im Krisenmodus. URL: https://www.moz.de/lokales/frankfurt-oder/corona-die-deutsch-polnische-grenze-zwischen-frankfurt-und-slubice-im-krisenmodus-50381175.html?_XML=A

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